UNTER SCHWESTERN
Thriller
Ihr dunkles Geheimnis wird dein Albtraum …
»Nur ein paar Tage lang, bitte.« Franziska zögert nicht lange, als ihre Zwillingsschwester Amelie bei ihr auftaucht und sie anfleht, mit ihr die Rollen zu tauschen. Schließlich haben sie beide das ihr ganzes Leben lang getan – in der Schule, selbst in ihren Beziehungen mit Männern –, und niemand ist ihnen jemals auf die Schliche gekommen. Warum soll sie Amelie, die offenbar Probleme in ihrer Ehe hat und eine Auszeit braucht, also nicht diesen Gefallen tun?
Doch als eine gemeinsame Jugendfreundin der Schwestern ermordet aufgefunden wird, beschleicht Franziska der Verdacht, dass diesmal mehr hinter dem Identitätstausch steckt. Und dann verschwindet auch noch Amelie …
Gewinnerbuch des Kindle Storyteller Awards 2023.
Auch als Hörbuch erhältlich.
REZENSIONEN
LESEPROBE
KAPITEL 1
Der Drehzahlmesser schoss in die Höhe, als ich das Gaspedal durchtrat. Der Motor heulte auf und starb stotternd ab.
O nein, bitte nicht schon wieder!
Unter dem wütenden Gehupe der Fahrzeugkolonne hinter mir startete ich den Motor schnell wieder und schaffte es im ersten Gang gerade noch über die Kreuzung, bevor die Ampel auf Rot sprang. Seit Ewigkeiten hatte ich nicht mehr in einem Auto mit Gangschaltung gesessen.
Konzentriert kämpfte ich mich durch den dichten Abendverkehr, während die Sonne allmählich hinter den Dächern der Häuser verschwand. Die Straßen waren so vollgestopft, dass ich mehrere Male scharf abbremsen musste, um einen Zusammenstoß zu vermeiden. Im Auto war es zu eng und zu warm, und ich ließ beide Seitenfenster herunter, sodass der Wind durch meine Haare strich.
Nachdem ich eine weitere Kreuzung passiert hatte – diesmal, ohne den Motor abzuwürgen –, warf ich einen Blick auf mein Handy, das im Getränkehalter klemmte. Laut Google Maps waren es noch zwanzig Minuten bis zu Franziskas Wohnung.
Beim Gedanken an meine Zwillingsschwester spürte ich, wie meine Handinnenflächen feucht wurden.
Ein gutes Jahr lang hatte ich kein Wort mehr mit ihr gewechselt, jeden ihrer Annäherungsversuche im Keim erstickt. Die Kluft war zu groß, die Mauer, die ich zwischen uns errichtet hatte, unüberwindbar gewesen. Und wenn es nach mir ginge, hätte es noch eine ganze Weile so weitergehen können. Nie zuvor in meinem Leben hatte mich jemand so enttäuscht wie sie.
Nun ja – fast niemand.
Ungewollt drängte sich das Bild meines Ehemanns in mein Bewusstsein. Die Erinnerung an das, was er angerichtet hatte, an das Unglück, das er über unsere Familie gebracht hatte, trieb mir die Zornesröte ins Gesicht. Instinktiv schlossen sich meine Finger fester um das Lenkrad.
Wenn Konstantin mir nur gleich die Wahrheit gesagt hätte, wenn er nur nicht so verdammt dämlich gewesen wäre, säße ich jetzt nicht in dieser Schrottkarre, so viel stand fest. Dann wäre ich jetzt nicht drauf und dran, meine Schwester zurück in mein Leben zu lassen. Wenn er nur nicht hinter meinem Rücken …
Ein Hupen riss mich aus meinen Gedanken. Die Ampel vor mir war längst grün geworden. Rasch konzentrierte ich mich wieder auf die Straße.
Inzwischen hatte ich die Radetzkybrücke erreicht, die die Grenze zum 3. Wiener Gemeindebezirk markierte. Jetzt war es nicht mehr weit. Wenige Minuten später bog ich von der Ungargasse in eine schmale Seitenstraße. Alle Parkplätze waren belegt, sodass ich einige Male um den Block fahren musste, bis ich eine Lücke fand, die groß genug für den Peugeot war.
Ich schaltete den Motor aus und klappte die Sonnenblende herunter. Blaugrüne Augen blickten mich aus dem staubigen Spiegel an. Sie waren vom Weinen gerötet, und ich war ein wenig blass um die Nase, sodass meine Sommersprossen deutlicher hervortraten als gewöhnlich, doch ansonsten deutete nichts auf meinen emotionalen Ausnahmezustand hin.
Seufzend klappte ich die Sonnenblende wieder hoch und stieg aus dem Auto. Die letzten Sonnenstrahlen, die zwischen den Häuserreihen hindurchfielen, blendeten mich, und ich schirmte meine Augen mit den Händen ab, als ich an dem Gebäude emporschaute, in dem Franziska wohnte. Es war ein hübscher Altbau mit hohen Fenstern und cremegelb gestrichenen Mauern; kleine gusseiserne Balkone säumten die Fassade. Meine Freundin Karin war aus dem Schwärmen gar nicht mehr herausgekommen, als sie mir von Franziskas neuer Wohngegend erzählt hatte, und jetzt, wo ich hier war, musste ich zugeben, dass sie nicht übertrieben hatte.
Meine rechte Hand schwebte bereits über dem Klingelknopf, als ich noch einmal innehielt.
Was mir vorschwebte, war selbst für unsere Verhältnisse abenteuerlich, und schon den ganzen Tag waren mir Zweifel im Kopf herumgeschwirrt. Würde Franziska auf meine Bitte eingehen? Oder würde sie nur lachen und mir sagen, ich solle zusehen, wie ich meinen Kram selbst geregelt bekäme?
Doch tief in meinem Herzen wusste ich, dass meine Sorge unbegründet war. Denn so war Franziska: Sie hatte es immer schon genossen, sich als die große Schwester aufzuspielen, obwohl sie genau genommen nur fünf Minuten älter war als ich. Sie liebte es, mir zu beweisen, wie sehr ich sie brauchte. Wie sehr wir einander brauchten. Damals wie heute.
»Nur wir beide, Lilly. Du und ich. Wir gehören zusammen. Wir sind eins.«
Ich strich mir eine Strähne meines herausgewachsenen Ponys aus der Stirn und spürte, wie sich eiserne Entschlossenheit in mir breitmachte. Nein, Franziska würde mir meine Bitte nicht abschlagen. Das konnte sie gar nicht.
Also holte ich noch einmal tief Luft und drückte auf den Klingelknopf.
KAPITEL 2
Mit düsterer Miene steckte ich den Schlüssel ins Schloss. Die Wohnungstür schwang nach innen auf und ich atmete die herrlich klimatisierte Luft ein, die mir entgegenwehte.
Endlich.
Ich stolperte hinein und pfefferte die Papiertüte, deren Henkel mir in die Handflächen geschnitten hatten, in eine Ecke. Dann bückte ich mich, um mir die High Heels von den Füßen zu ziehen. Dabei streiften meine Finger die Blase an meiner linken Ferse und ich zuckte vor Schmerz zusammen.
Was für ein Scheißtag!
Ich warf einen finsteren Blick auf die Papiertüte. Sie war umgefallen; einige Kleidungsstücke waren herausgequollen und lagen verstreut auf dem Boden. Ein schwarzes Seidennachthemd, mein Ersatzblazer fürs Büro, dazu ein paar Shirts und Slips.
Sofort sah ich wieder Florians betretenen Gesichtsausdruck vor mir, das Zucken seines linken Augenlids, als er mich heute Morgen in der Kaffeeküche beiseitegenommen hatte.
»Glaub mir, es ist besser so. Wir sollten es beenden, bevor noch jemand verletzt wird.«
Ich schnaubte.
Das hättest du dir früher überlegen sollen, hatte ich gedacht und war zornig geworden. Bevor es überhaupt so weit kommen konnte.
Mühsam rappelte ich mich auf, lief barfuß in die Küche und riss die Kühlschranktür auf. Der trostlose Anblick, der sich mir bot, ließ mich die Nase rümpfen. Eine angebrochene Flasche Weißwein, ein paar verschrumpelte Zwiebeln, dazu die Reste vom Chinesen – nach drei Tagen wahrscheinlich ungenießbar.
Dann eben Flüssignahrung.
Ich schnappte mir die Flasche Wein, nahm ein sauberes Glas aus dem Schrank über dem Spülbecken und ging ins Wohnzimmer.
Der Raum war nach Westen ausgerichtet, und die Abendsonne, die durch die Fenster fiel, spiegelte sich im gläsernen Couchtisch und malte tanzende Lichtflecken auf das cremefarbene Sofa. Doch anders als sonst konnte mich das Lichterspektakel heute nicht aufmuntern. Ich füllte mein Glas und genehmigte mir noch im Stehen einen Schluck, dann ließ ich mich auf die Couch fallen und schaltete den Fernseher ein.
Ich zappte durch die Kanäle und ließ mich vom Gebrabbel der Fernsehredakteure einlullen, ohne wirklich mitzukriegen, was sie sagten. In Gedanken war ich schon wieder bei der Arbeit.
Drei Jahre war ich nun bereits bei diesem Käseblatt, hatte klaglos all die unbezahlten Überstunden in Kauf genommen, auf Teufel komm raus Restaurantkritiken und Buchbesprechungen verfasst, inhaltsleere Klatschartikel über die Wiener B- und C-Promis geschrieben. Den ganzen langweiligen Kleinkram erledigt. All das, um eines Tages meine eigene Kolumne zu bekommen, die mein Chef Mark mir in Aussicht gestellt hatte – die berühmte Karotte vor der Nase.
Was für eine Zeitverschwendung!
Und da war er wieder – Florian. Kurzes, widerspenstiges Haar, ein schiefes Grinsen im Gesicht, das zum Mitlachen animierte. Augenblicklich verdüsterte sich meine Miene noch weiter.
So hätte das nicht laufen dürfen, verdammt!
Das mit Flo und mir hatte vor etwa vier Monaten angefangen. Ein harmloser Flirt auf einer Firmenfeier, aus dem irgendwann mehr geworden war. Nicht die ganz großen Gefühle, aber immerhin. Wie konnte er es wagen, mich so einfach abzuservieren? Ich hätte mich für meine Naivität ohrfeigen können. Was hatte ich mir nur dabei gedacht, mich mit einem Kollegen einzulassen?
Dass nun auch noch ausgerechnet Florian für die Gesellschaftskolumne – meine Kolumne! – ausgewählt worden war, entbehrte nicht einer gewissen Ironie. Schließlich arbeitete er erst seit Kurzem in der Redaktion und hatte deutlich weniger Erfahrung als ich. Wahrscheinlich lag es daran, dass er ein Mann war, dachte ich düster. Keine Frau Anfang dreißig, deren biologische Uhr langsam, aber sicher zu ticken begann.
In einem Zug leerte ich mein Weinglas. Es war mein Lieblingswein, ein guter Jahrgang aus dem Burgenland, doch heute schmeckte er nicht richtig, hinterließ einen schalen Nachgeschmack.
Ich sollte auf der Stelle die Kündigung einreichen. Die »Wiener Wochenschau« war ja nicht das einzige Medium auf dem Markt.
Gerade als ich nach meinem Handy griff, um Mark eine entsprechende Mail zu schreiben, läutete es an der Tür.
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