KOMM NICHT ZURÜCK
Familiendrama
Zwei Frauen, ein Mann und eine Vergangenheit, die alles verändert: Ein packender Roman über Liebe, Verlust und die Suche nach dem Glück.
Nach einem schweren Autounfall erwacht Lea im Krankenhaus und findet sich in einem wahrgewordenen Albtraum wieder. Ihre Erinnerungen an die letzten dreizehn Jahre sind verschwunden. Mit Entsetzen erkennt sie, was aus ihrem Leben geworden ist: Christopher, Leas Ehemann und Vater ihrer neunjährigen Tochter, will nichts mehr von ihr wissen, nachdem sie die beiden vor Jahren verlassen und ihrer Heimatstadt Wien den Rücken gekehrt hat. Entschlossen, ihre Familie zurückzugewinnen, kämpft Lea gegen die Schatten ihrer Vergangenheit.
Anna ist endlich mit dem Mann ihrer Träume zusammen und wünscht sich nichts sehnlicher als ein eigenes Kind. Ihr perfektes Leben scheint zum Greifen nah. Doch als Lea, Christophers lange verschollene und bildschöne Ehefrau, unerwartet wieder auftaucht, wird Annas Welt plötzlich auf den Kopf gestellt.
REZENSIONEN
LESEPROBE
KAPITEL 1 — Lea
Lea drückte das Gaspedal bis zum Anschlag durch. Schneller. Nur noch ein kleines bisschen schneller, spornte sie den Wagen an.
Ein Grinsen breitete sich auf ihrem Gesicht aus, während der Audi in halsbrecherischem Tempo über die kurvenreiche Fahrbahn flog. Die Straßen waren wie ausgestorben, kein anderes Fahrzeug weit und breit.
Lea schob sich ein paar widerspenstige Strähnen hinters Ohr und schloss für einen Moment genießerisch die Augen. Dem nahenden Winter zum Trotz war es für Ende Oktober ungewöhnlich mild, beinahe frühlingshaft. Zu ihrer Rechten schimmerte die Donau träge in der Sonne. Durch das heruntergelassene Dach des Cabrios drang ihr der erdige Geruch von Nadelbäumen in die Nase. Sie liebte das Zerren des Fahrtwinds an ihrem Haar, die Sonnenstrahlen, die ihre Wangen liebkosten, das Adrenalin, das ihr das rasante Tempo durch die Adern jagte. Sie wünschte, die Fahrt würde ewig dauern, dass sie das Ziel ihrer Reise niemals erreichen müsste.
Seufzend konzentrierte sie sich wieder auf die Fahrbahn. Sie könnte jetzt an einer fernen Insel am Strand liegen und sich die Sonne auf den Bauch scheinen lassen. Endlich die Besteigung des Fünftausenders in Angriff nehmen. Die kalte Jahreszeit bei entfernten Verwandten in Südafrika verbringen. Aber wie hieß es so schön? Das Leben ist das, was passiert, während du andere Pläne schmiedest. Und so sehr sich alles in ihr dagegen sträubte, wusste sie, dass sie keine Wahl hatte. Sie hatte ein Versprechen gegeben. Zumindest einmal in ihrem Leben würde sie das Richtige tun.
Wie aufs Stichwort erschien das Bild ihrer Tante in ihren Gedanken, die Augen tief in den Höhlen liegend, die Lippen vor Anstrengung zusammengepresst. Ächzend wuchtete sie ihren krebszerfressenen Körper in eine aufrechte Position, ihre dürren Finger tasteten nach Leas Handgelenk.
Resolut schluckte Lea die Tränen hinunter, schob die Wut und die Trauer mit aller Macht von sich.
Bloß nicht darüber nachdenken. Das ist jetzt nicht der richtige Zeitpunkt.
Die Erinnerung verflüchtigte sich, an ihre Stelle trat die Erscheinung eines großgewachsenen Mannes mit dunklem Haar und ungewöhnlich blauen Augen. Die Hände waren in den Taschen seines Sakkos vergraben, die Mundwinkel zu einem spitzbübischen Lächeln verzogen. Ein flaues Gefühl regte sich in ihrer Magengegend. Wie er wohl reagierte, wenn er sie nach all der Zeit wiedersah?
Lea drosselte das Tempo ein wenig und fischte in der Mittelkonsole nach ihrem Handy. Sie tat bestimmt gut daran, ihn vorab über ihre Rückkehr zu informieren. Christopher hatte Überraschungen noch nie viel abgewinnen können.
Ihre Finger wühlten durch das Sammelsurium aus Schminkutensilien, Stiften und leeren Müsliriegelverpackungen. Schließlich entdeckte sie ihr iPhone unter ein paar alten Tankrechnungen. Sie schob die Papiere beiseite und zog es mit der Rechten näher zu sich heran. Gerade als es ihr gelungen war, das Display zu entsperren, glitt ihr das Handy wieder aus der Hand und landete mit einem scheppernden Geräusch im Fußraum des Wagens. Lea stieß einen leisen Fluch aus.
Mit einem raschen Blick vergewisserte sie sich, dass die Fahrbahn immer noch frei war. Dann beugte sie sich auf die Beifahrerseite. Nach zwei gescheiterten Versuchen bekam sie das Telefon endlich zu fassen. Das Gerät triumphierend in die Höhe gestreckt, wandte sie ihre Aufmerksamkeit wieder der Schnellstraße zu. Im Augenwinkel hatte sie eine Bewegung wahrgenommen.
Zu spät bemerkte sie das Reh, das vor ihr auf die Fahrbahn gesprungen war und den Wald auf der anderen Straßenseite ansteuerte. Ausgerechnet in diesem Moment nahte ein Fahrzeug auf der Gegenspur heran.
Scheiße.
In ihrer Panik verriss Lea das Steuer, in dem unglückseligen Versuch, zugleich dem Reh und dem schwarzen BMW auszuweichen. Der Audi schlingerte und brach nach rechts aus. Mit halsbrecherischem Tempo schlitterte er dahin, auf das nahegelegene Ufer zu. Lea klammerte sich an das Lenkrad, ein spitzer Schrei entfuhr ihrer Kehle. Verzweifelt versuchte sie, den Wagen wieder unter Kontrolle zu bringen. Doch vergebens.
Einen unwirklichen Moment hatte Lea das Gefühl, als würde sie fliegen. Dann ging alles sehr schnell.
Ein heftiger Ruck ging durch ihren Körper, als die Vorderreifen auf die Wasseroberfläche prallten. Von den Seiten drang Wasser durch die Ritzen der Karosserie in den Innenraum des Fahrzeugs. Eisige Kälte traf Leas Füße und sie sog scharf die Luft ein.
Das war's.
Im Schock gefangen, blieb sie zunächst wie versteinert sitzen. Am ganzen Leib zitternd beobachtete sie gebannt, wie das Wasser um sie herum höher stieg, ihre Beine umspielte, gierig an ihren Schenkeln leckte.
Wer hätte gedacht, dass es einmal so enden würde.
Ein Lachen kam aus ihrem Mund. Erst ein leises Glucksen, das schließlich in hysterisches Gelächter überging. Die Ironie war schlichtweg überwältigend.
Vielleicht habe ich es nicht anders verdient. Schicksal und das alles.
Der Wagen sank immer schneller. Schon bald reichte Lea das Wasser bis zu den Oberschenkeln, schwappte um ihre Hüfte. Und mit dem steigenden Wasserspiegel erwachte auch ihr Überlebensinstinkt.
Nein. Ich werde nicht sterben. Nicht jetzt. Nicht so.
Mit zitternden Fingern rüttelte sie am Sicherheitsgurt. Nach einigen Versuchen gab sie der Verschluss widerwillig frei. Lea stieß sich mit den Beinen von ihrem Sitz ab, bevor der Sog des sinkenden Wagens sie endgültig mit sich in die Tiefe ziehen konnte. Kälte umfing Lea, presste ihr den Sauerstoff aus den Lungen. Sie rang nach Atem.
Komm schon. Das Ufer ist nicht weit entfernt. Du kannst es schaffen.
Mit zusammengebissenen Zähnen begann sie zu schwimmen. Sie kam nur langsam voran, das eisige Wasser schien alle Lebensenergie aus ihr herauszusaugen, je länger sie sich in ihm aufhielt.
Ihre Schwimmzüge, erst routiniert und energisch, wurden kraftloser, schwerfälliger. Irgendwann fand sie nicht einmal mehr die Kraft zum Zittern. Doch sie gab nicht auf. Den Blick starr auf die Böschung gerichtet, kämpfte sie sich Meter für Meter vorwärts.
Nach einer schieren Ewigkeit erreichte sie das Ufer, wo sie erschöpft zusammenbrach.
Es tut mir so leid, dachte sie noch. So unendlich leid.
Dann versank sie in wohltuender Dunkelheit.
KAPITEL 2 — Lea
Wie aus weiter Ferne drang eine Frauenstimme an ihr Ohr. »Frau Lamparta? Frau Lamparta, können Sie mich hören?«
Lea schlug die Augen auf. Die Stimme gehörte zu einer jungen Frau, die, ein Klemmbrett im Arm, mit sorgenvoller Miene auf sie herabblickte. Sogleich fielen unbarmherzige Sonnenstrahlen durch das nahegelegene Fenster auf ihr Bett und schossen glühende Schmerzenspfeile durch ihre halbgeschlossenen Lider. Von der plötzlichen Helligkeit geblendet, schloss sie die Augen rasch wieder.
»Wo bin ich?«, murmelte sie matt.
»Amstetten. Das Landeskrankenhaus. Wie fühlen Sie sich, Frau Lamparta? Geht es Ihnen heute schon etwas besser?«
Im Krankenhaus?
Widerwillig öffnete Lea die Augen. Erst jetzt bemerkte sie die medizinischen Geräte, die um das metallene Bettgestell aufgebaut waren und von denen ein monotones Piepsen ausging. Der Raum, in dem sie sich befand, war in klinischem Weiß gehalten. Die Laken, die kahlen Wände, die Vorhänge, selbst die Haut der Frau schien blass und durchscheinend. Es roch nach einer Mischung aus Desinfektionsmittel und abgestandener Luft.
Lea versuchte sich im Bett aufzusetzen, doch ihre Hände versagten ihr den Dienst. Hilflos ließ sie sich wieder in die Kissen sinken.
»Was ist passiert? Warum bin ich hier?«
»Sachte, sachte. Bleiben Sie bitte liegen. Sie hatten einen schweren Autounfall und müssen sich schonen.«
Leas Blick fiel auf die Infusionsschläuche, die aus ihrer Armbeuge ragten.
»Ein Autounfall?«
»Ja.« Die Schwester nickte. »Ihr Wagen ist von der Fahrbahn abgekommen und in die Donau gestürzt. Sie hatten großes Glück, dass Sie es rechtzeitig ans Ufer geschafft haben. Im Oktober hat der Fluss kaum acht Grad.«
»Ich – ich erinnere mich nicht. Wie lange bin ich schon hier?«
»Seit zwei Tagen.«
Ungläubig schüttelte Lea den Kopf. Ein stechender Schmerz durchzuckte ihre Schläfen und sie ließ es rasch wieder bleiben.
»Wer war der Fahrer?«
Die Schwester zog die Brauen hoch, was ihrem mondförmigen Gesicht einen dümmlichen Ausdruck verlieh.
»Sie natürlich. Sie waren alleine im Wagen.«
Lea traute ihren Ohren nicht.
»Ich soll gefahren sein? Das kann nicht sein.«
Verzweifelt durchforstete sie ihr Hirn nach einer Erinnerung. Hatte sie sich etwa den Wagen ihrer Mutter für eine Spritztour geliehen und damit einen Unfall verursacht? Sie verwarf den Gedanken rasch wieder. Bei ihren heimlichen Übungsfahrten wagte sie sich selten weiter vor als auf die Feldwege hinter dem Haus ihrer Eltern. Amstetten hingegen lag über 130 Kilometer von ihrem Elternhaus entfernt. Unmöglich. Nein, das konnte nicht sein.
Die Schwester lächelte nachsichtig. »Kein Wunder, dass Sie verwirrt sind, bei dem, was Sie durchgemacht haben. Hier ist Ihr Frühstück. Sie müssen essen, damit Sie rasch wieder zu Kräften kommen.«
FOLGE
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