Das perfekte Leben meiner Schwester

Das perfekte Leben meiner Schwester

Drama

Als die neunzehnjährige Emma herausfindet, dass sie adoptiert wurde und in Wahrheit die uneheliche Tochter des vermögenden Wieners Ferdinand Lauderthal ist, regen sich Hoffnung und Zuversicht in ihr. Endlich sieht sie einen Ausweg aus ihrem unglücklichen Leben. Doch ihre Erwartungen werden enttäuscht. Während ihre gleichaltrige Halbschwester Céline das Leben ihrer Träume führt, will ihr Vater nichts von ihr wissen. Voller Eifersucht beschließt Emma, die beiden büßen zu lassen. Als vermeintliche Studienkollegin von Céline dringt sie in deren Leben ein und stellt dieses gehörig auf den Kopf.

Doch schon bald muss Emma feststellen, dass nichts ist, wie es zunächst den Anschein hatte und sie sich in ihrer Halbschwester getäuscht hat. Hin und hergerissen zwischen ihrer wachsenden Zuneigung zu Céline und ihren Rachefantasien wird sie in einen Strudel aus Familienintrigen verstrickt, die ihr Verständnis von Gerechtigkeit auf eine harte Probe stellen. Denn alles im Leben hat seinen Preis …

Eine fesselnde Geschichte mit überraschenden Wendungen und unvorhergesehenem Ende erwartet dich.

Leserstimmen

Leserstimmen

Leseprobe (Kapitel 1)

Leseprobe (Kapitel 1)

Emma. 

Mit zusammengekniffenen Brauen starrte Emma auf das vergilbte Blatt. In der staubigen Scheibe des Schranks sah sie ihr Spielbild aufleuchten – lange, dunkle Haare, zu einem lockeren Zopf geflochten, die Augenbrauen über den schokoladenbraunen Augen zusammengezogen.

Sie beugte sich vor, um genauer hinzusehen. Doch sie hatte richtig gelesen, da stand es, schwarz auf weiß, auf dem als Abstammungsurkunde betitelten Dokument. 

Mutter: Ekaterina Moldova. Der Name sagte ihr nichts.

Sie blätterte weiter. Endlich fand sie, was sie gesucht hatte. Da war sie ja, ihre Geburtsurkunde.

Eltern: Lukas und Silvia Schneider.

Merkwürdig. Vorsichtig ließ sie den zerschlissenen Aktenordner aufschnappen und hielt beide Schriftstücke nebeneinander. Das konnte doch nicht sein.

Unvermittelt flog die Tür hinter ihr auf. Emma, die auf den Knien am Boden gesessen hatte, spürte einen dumpfen Schmerz, als ihr die Türkante in den Rücken stieß. Sie fuhr herum und erblickte ihren Vater, der im Türrahmen aufgetaucht war. Er hatte die Arme vor dem eindrucksvollen Bierbauch verschränkt – ein Zeugnis der vielen Fernsehabende auf dem Sofa.

„Was zum Teufel hast du in meinem Arbeitszimmer zu suchen?“

Emma drückte schützend die beiden Blätter an die Brust. „Ich habe nur meine Geburtsurkunde gesucht.“

Zwischen seinen Brauen hatte sich eine steile Zornesfalte gebildet. „Und wofür brauchst du die, wenn ich fragen darf?“

„Für die Anmeldung zur Führerscheinprüfung“, gab sie kleinlaut zu.

Der Wutausbruch ihres Vaters folgte wie das Amen im Gebet. „Wie oft soll ich es dir noch erklären? Vergiss den Führerschein. Du brauchst ihn nicht. Deine Mutter und ich werden keinen Cent für diesen unnötigen Schwachsinn ausgeben!“

Emma senkte den Blick. Bevor sie noch etwas erwidern konnte, riss er ihr den Aktenordner von den Knien und zerrte sie auf die Beine. „Und jetzt raus aus meinem Arbeitszimmer. Du hast hier nichts verloren!“

Mit hängendem Kopf trat sie den Rückzug in ihr Zimmer an. Der Raum maß keine sechs Quadratmeter und wurde von dem schmalen Bett und dem alten IKEA Pax, der nur von ein paar vereinzelten Schrauben zusammengehalten wurde, fast vollständig ausgefüllt. Die Dachschrägen verstärkten das Gefühl der Beengtheit noch. Emma zog die Zimmertür hinter sich zu und ließ sich schwer atmend auf die Matratze fallen. In ihrem Kopf rumorten die Gedanken.

Wer zum Teufel war diese Ekaterina Moldova? Was hatte ihr Name auf ihrer Abstammungsurkunde zu suchen? Und was war das überhaupt, eine Abstammungsurkunde?

Sie langte unters Bett und zog ihren Laptop hervor. Dr. Google würde ihr die Antwort schon liefern. Während sie ihn aufklappte, achtete sie darauf, das Display nicht zu berühren. Der Bildschirm des alten Lenovos war von einem tiefen Sprung durchzogen – das Ergebnis der Unachtsamkeit ihres jüngeren Bruders Julian. Er hatte daraufhin zum Geburtstag einen neuen bekommen, weshalb Emma das alte Gerät hatte übernehmen dürfen. Von dem optischen Makel und einigen Schrammen einmal abgesehen, funktionierte er jedoch noch einigermaßen.

Emma tippte die Begriffe „Abstammungsurkunde“ und „Geburtsurkunde“ in die Suchmaschine und rief die Seite von Wikipedia auf.

Die Abstammungsurkunde ist eine Personenstandsurkunde nach deutschem Recht zum Nachweis der Geburt eines Kindes.

So weit so gut. Sie scrollte weiter und fand die gewünschte Information.

Bedeutsam ist der Unterschied zwischen Geburts- und Abstammungsurkunde, wenn jemand adoptiert worden ist und heiraten will: In der Geburtsurkunde stehen nur die Adoptiveltern, in der Abstammungsurkunde hingegen sind die biologischen Eltern angeführt. Mit dem Personenstandsrechtsreformgesetz zum 1.1.2009 wurde die Abstammungsurkunde abgeschafft.

Während sie las, zitterten ihre Hände so heftig, dass sie kaum den Cursor stillhalten konnte. Ihr Verstand hatte Mühe, die soeben gelesenen Informationen zu verarbeiten. Adoptiveltern? Sie, Emma, sollte adoptiert worden sein?

Sie schüttelte den Kopf. Das ergab keinen Sinn. Sie war immer davon überzeugt gewesen, dass sie das Ergebnis einer ungewollten Schwangerschaft war. Ihre Eltern ließen schließlich keine Gelegenheit aus, ihr zu sagen, was für eine Belastung sie war, sodass die Schlussfolgerung naheliegend gewesen war. Wer adoptierte denn ein Kind, wenn er es doch nicht wollte?

Emma zwang sich, tief durchzuatmen und Ruhe zu bewahren. Alles der Reihe nach, mahnte sie sich. Sie würde ihre Mutter darauf ansprechen. Bestimmt konnte sie ihr mehr verraten.

Resolut klappte Emma den Laptop zu und eilte in die Küche, wo Silvia Schneider mit dem Rücken zur Tür am Herd stand und geschäftig in einem Topf rührte. Sie trug eine altmodische Schürze mit Blümchenmuster, die sich über ihren ausladenden Körper spannte. Ihre ergrauten Haare wurden von einer breiten Spange zusammengehalten, aus der sich vereinzelte Strähnen gelöst hatten. Der unverkennbare Geruch von Linseneintopf lag in der Luft. Emma rümpfte die Nase. Sie konnte Linseneintopf nicht ausstehen.

Sie räusperte sich geräuschvoll. „Mama, hast du einen Moment? Ich würde dich gerne etwas fragen.“

Diese stöhnte auf. „Siehst du nicht, dass ich gerade koche? Was machst du überhaupt noch hier? Solltest du nicht längst im Nexos sein? Fürs Abendessen habe ich dich nicht eingeplant.“

„Meine Schicht beginnt heute erst später, ich muss erst in einer Stunde dort sein.“

Als Silvia ihr immer noch keine Beachtung schenkte, fügte sie hinzu: „Bitte, es ist wichtig!“ Die Dringlichkeit in ihrer Stimme erzielte den gewünschten Effekt, denn ihre Mutter wandte sich widerwillig zu ihr um. Unwirsch strich sie sich die Haare aus der Stirn, wobei sich Linsenklümpchen in ihrem Haaransatz verfingen.

„Was gibt’s denn, das nicht warten kann?“

Emma wählte ihre nächsten Worte mit Bedacht. „Das muss jetzt überraschend für dich kommen, aber … bin ich adoptiert? Also ich meine, sind du und Papa meine leiblichen Eltern?“

Vor Schreck ließ Silvia den Kochlöffel fallen. Spritzer des klebrigen Eintopfs sprenkelten Boden und Wände. Fluchend bückte sie sich nach dem Küchengerät. „Wie kommst du denn auf diese Idee?“, stammelte sie, Emmas Blick ausweichend.

„Lukas, Schatz, komm doch mal bitte!“, rief sie dann mit lauter Stimme in Richtung Arbeitszimmer.

„Geht es schon wieder um den Führerschein? Ich will kein Wort mehr davon hören!“, polterte dieser, als er Emma neben seiner Frau erblickte.

„Emma hat mich gerade gefragt, ob sie adoptiert wurde“, erläuterte Silvia mit einem bedeutungsschweren Blick auf ihren Ehemann.

„Wie bitte? Was soll der Unsinn?“

Wortlos ließ Emma ihre Abstammungsurkunde auf den Esstisch gleiten, sodass ihre Eltern sie sehen konnten.

Lukas Schneider schnappte hörbar nach Luft. „Setz dich“, knurrte er.

Emma tat wie ihr geheißen. Ihre Nerven waren zum Zerreißen gespannt. Atemlos kaute sie auf ihren Fingernägeln.

„Es ist wahr“, stieß ihr Vater schließlich hervor. „Du bist nicht unsere leibliche Tochter.“

„Wir wollten es dir eigentlich gleich nach deinem Abitur im Juni sagen, aber irgendwie war nie der richtige Moment dafür“, ergänzte Silvia leise. Nervös trat sie von einem Bein aufs andere, während sie das Mädchen angstvoll musterte.

Emma konzentrierte sich auf die Linsenspuren in Silvias Haar und versuchte, ihre Gedanken zu sortieren. Sie wartete darauf, dass der Schmerz einsetzte. Ihre ganze Welt hatte sich gerade auf einen Schlag unwiederbringlich verändert, das fühlte sie genau. Aber seltsamerweise blieb der Schmerz aus. Stattdessen hatte sie das Gefühl, als wäre irgendetwas in ihrem Inneren an den richtigen Platz gerückt. Als hätte sie es im Grunde ihres Herzens immer schon gewusst.

„Ihr habt mich also mein ganzes Leben lang belogen.“ Es war eine Feststellung, keine Frage. Betretenes Schweigen senkte sich über die Anwesenden.

„Wer sind meine leiblichen Eltern?“, ergriff Emma nach einer Weile wieder das Wort. „Was wisst ihr über eine Frau namens Ekaterina Moldova? Ihr Name steht auf meiner Abstammungsurkunde.“

Silvia und Lukas Schneider tauschten verwirrte Blicke. Vermutlich hatten sie sich eine andere Reaktion von ihr erwartet. Schreien, Weinen, einen Tobsuchtsanfall. Irgendetwas Dramatisches.

Seufzend ließ sich jetzt nun auch ihre Mutter am Küchentisch nieder. Gedankenverloren fegte sie ein paar Krümel von der Tischplatte. „Nicht viel. Wir haben sie nur ein einziges Mal gesehen. Sie wollte die Adoptiveltern ihres ungeborenen Kinds kennenlernen, obwohl es offiziell eine geschlossene Adoption war. Ich denke, sie wollte sichergehen, dass es ihrer Tochter bei uns gut gehen würde. Vielleicht auch Kontakt halten, was weiß ich. Nach der Geburt muss sie es sich anders überlegt haben, denn wir haben nie wieder etwas von ihr gehört. Wir haben ein oder zweimal versucht, sie anzurufen, doch sie hatte ihre Telefonnummer geändert, sodass wir sie nicht erreichen konnten. Ich vermute einmal, es war zu hart für sie.“

„Und mein Vater? Wisst ihr, wer er ist?“

„Nein. Wir haben natürlich nach ihm gefragt, wollten wissen, wie er aussieht und so weiter. Frau Moldova hat uns nur so viel über ihn verraten, dass sie ungewollt von ihrem Vorgesetzten schwanger geworden sei. Und dass seine Ehefrau nie etwas davon erfahren dürfe. Daher auch die Adoption“, brummte Lukas.

„Sie war so jung. Selbst noch fast ein Kind! Und es schien, als würde ihr die Entscheidung wirklich schwerfallen“, brach es aus Silvia hervor. „Sie hat uns so leidgetan, das arme Ding!“

„Und Julian? Ist er auch adoptiert?“

„Nein. Erinnerst du dich nicht mehr an meine Schwangerschaft? Du warst damals ganz aus dem Häuschen. Wir hatten die Hoffnung auf ein leibliches Kind schon aufgegeben. Aber als du vier Jahre alt warst, klappte es auf einmal doch. Julian ist unser kleines Wunder. Ein Geschenk des Himmels.“

Emma nickte kaum merklich mit dem Kopf. Das ergab Sinn. Ihr unfehlbarer Bruder, das Wunder, war nicht adoptiert. Natürlich nicht.

Eine lange drückende Stille entstand. Plötzlich stieg Emma der Gestank von angebranntem Essen in die Nase.

„Ach Mist, der Linseneintopf!“, fluchte ihre Mutter und eilte zum Herd.

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Dr. Sophie Rojahn

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